«Auf gigantischen Körpern spazieren»

Mathias Bader im Gespräch
mit Edith Arnold

18.2.2026

Das Atelier in Zürich-Altstetten ist wie ein Ausstellungsort. Skulptur, Zeichnung, Fotografie, jedes Exponat könnte kaum besser kuratiert sein. Der Schädel aus Ton im Kabinett scheint verwandt mit dem fotografischen Portrait eines Steins darüber. Selbst der Modellierton feiert seine Präsenz auf einem Sockel respektive der Werkbank. Die verglaste Arbeitskabine wiederum ist ein Stillleben für sich. Wir stehen vor den Gipsmodellen der Werkserie «ALPINE VIEW». Landscape IV zeigt ein Bergmassiv, durch das diagonal ein Band hochführt. Man kann sich gut orientieren im Kunstgelände, bekommt Lust, mit den Augen die Spitzen zu erklimmen. Davor liegen Bruchstücke desselben Modells.

Wie stark erschüttertest du, als der Probeguss plötzlich in hundert Teile zersprang?
Ich war definitiv überrascht. Was zum Abguss einer modellierten Landschaft hätte werden sollen, hat sich freigesprengt und mir im Bruchteil einer Sekunde neue Perspektiven eröffnet.

Hat sich das Ereignis angekündigt?
Eine Unachtsamkeit, ich hätte es wissen sollen. Als ich die dünne Gipsform anhob, war die Spannung offenbar zu gross und sie zersprang.

Einzig ein dreidimensionaler Gipfel ist noch erkennbar. Das Geröll bezeichnest du als Fragmente, präsentierst es geordnet auf einem Tableau. Der Auftakt zu einer neuen Werkserie?
Ja, die Erzählung nimmt ihren Lauf: Das Fliessende des ursprüngliches Landschaftmodells hat sich aus der Kristallisation befreit. Sichtbar bleiben die abgeworfenen Bruchstücke, fragil wie Eierschalen – Schalenfragmente als Behältnisse für neue Bilder, Bedeutungen und Fragestellungen: Was bleibt, wenn sich die Gewissheit einer Umgebung auflöst? Was hütet der Berg? Wie weit kann unsere Wahrnehmung die Schale der unmittelbaren Umgebung durchdringen? Fragen, die nun in die neue Werkserie «Ghost in the Shell» übergehen. Die Fragmente können für sich funktionieren, in originaler Grösse oder produktionstechnisch hochskaliert, wie meine Visualisierungen zeigen.

Visualisierung «Ghost in the Shell», 2026
Visualisierung «Ghost in the Shell», 2026
Visualisierung «Ghost in the Shell», 2026

Am 28. Mai 2025, kurz vor dem Ereignis im Atelier, kam es zum gewaltigen Berg- und Gletschersturz bei Blatten. Nimmst du allgemein eine erhöhte Spannung wahr?
Der auftauende Permafrost intensiviert die Gefahrenlage im Hochgebirge, mit Folgen für die Talschaften. Die Alpen sind für uns identitätsstiftend. Wir nehmen sie als gegeben hin, mächtig, unverrückbar. Aber aus Perspektive der geologischen Tiefenzeit gleichen sie einem Organismus, der sich bewegt und stetig wandelt.


Der Klimawandel als Wimpernschlag in der geologischen Tiefenzeit?
Wir haben keine Empfindung für diese Zeitdimension, sie reicht unfassbar weit zurück bis zur Geburt unserer Erde. Das erschwert es, Spontanereignisse im grossen Kontext zu sehen. Beeinflusst und beschleunigt werden Ereignisse wie in Blatten aber dadurch, dass die Jahresmitteltemperatur in der Schweiz seit den 1980-er Jahren markant gestiegen ist. Das wirkt sich direkt auf die stabilisierenden Elemente am Berg aus.


Geomorphologische Ereignisse schwingen auch in deinen «ALPINE VIEW»-Modellen mit.
An der Kunstakademie in Florenz setzte ich mich ausschliesslich mit dem menschlichen Körper auseinander. Beim Studium am Aktmodell habe ich erfahren, wie Bewegungsenergie Formen ausbildet. Im Ausschnitt betrachtet, scheinen diese abstrakt und doch tragen sie die DNA des grossen Ganzen in sich. Zurück in der Schweiz hatte ich das Momentum in den Bündner Bergen. Es war, als ob ich auf gigantischen Körpern spazierte.


Eine interessante Wahrnehmung!
Auch hier offenbart die Ausdruckskraft der Form, wie Kräfte und Dynamiken das Gelände prägen. Da ist ein Stossen, dort ein Dehnen, Stauchen oder Ziehen, Abtauchen oder sich Aufrichten. Was geben diese Analogien zum Körper preis? Lässt sich eine Verbindung zwischen dem Organischen und Anorganischen ergründen? In den Modellen der Serie «ALPINE VIEW» verschränke ich Körper und Gelände, um diesen Fragen nachzugehen und ein erweitertes Landschaftsverständnis zu erschliessen.

ALPINE VIEW / Landscape IV, 79 x 24 x 35 cm, 2025
ALPINE VIEW / Landscape IV, Ausschnitt

Wie erschaffst du deine Gebirge?
Ich lasse mich von Erlebnissen im Gelände leiten, die ich beim Modellieren intuitiv vergegenwärtige. Meine Arbeitsweise vergleiche ich gerne mit der Improvisation eines Themas in der Musik. Das Motiv verdeutlicht sich im Prozess, wird modellierend aus allen Richtungen erwandert, bis die Gesamtkomposition den gewünschten Klang erzeugt.

Welche Rolle spielt dabei das Material?
Bevorzugt arbeite ich mit Modellierton, dessen hohe Plastizität ein unmittelbares Arbeiten an der Form erlaubt. Auch thematisch spielt mir das Material in die Hand. Modellierton ist ein Verwitterungsprodukt von Gestein, das unter Einwirkung der Elemente zerfiel, durch Erosion transportiert und zu feinem, formbaren Ton abgelagert wurde. Ganz dem geologischen Kreislauf der Erde nachempfunden, füge ich das zersetzte Gestein wieder zu Gebirgszügen zusammen.

Die Körperhaftigkeit deiner Gelände ist von Kühen inspiriert. Weshalb?
Kühe sind im Alpenraum allgegenwärtig und gut zu beobachten. Mit ihrem fortwährenden Kreislauf aus Fressen, Verdauen und Wiederkauen wirken sie wie ein erster Vermittler zwischen mir als Mensch und den Zeitdimensionen einer sich langsam, aber stetig wandelnden Landschaft. Als Plastiker fasziniert mich ihr Körperbau, in dem sich Masse und tragender Knochenbau zu einer bemerkenswerten Wendigkeit im alpinen Gelände verbinden. Ebenso naheliegend sind die Tiere, weil sie vor imposanter Bergkulisse zum Grundinventar eines nationalen Mythos zählen.

ALPINE VIEW / Landscape II, 90 x 18 x 32 cm, 2024
ALPINE VIEW / Landscape II, Ausschnitt

Wie gehst du durchs Gelände?
Während andere einen sportlichen Achtstünder von einem Tal ins andere hinlegen, bin ich in geologischen Tiefenzeiten unterwegs. Die Wirkung dieser Zeiträume kann ich nur in kleinen Schritten ergründen. Im Gelände interessieren mich vorwiegend die Zwischenhöhen. In diesen Zonen nach dem Tal und vor dem Gipfel fühle ich mich Gestein und Berg am nächsten.


Wo findest du diese Nähe?
Ich fühle mich der Gegend von Fidaz verbunden, wo ein Teil meiner Wurzeln liegt. Der Weiler in der Surselva befindet sich am Fusse des Flimsersteins. Seine steilen Wände sind Teil der Abbruchkante vom mächtigsten bekannten Bergsturz im Alpenraum. Vor rund 9500 Jahren hat seine gewaltige Masse das Rheintal aufgefüllt und die Topografie nachhaltig umgeformt. Als Stadtkind verbrachte ich jede Schulferienzeit in dieser Landschaft und streifte durch die Umgebung, bevorzugt in den höheren Lagen. Bis heute zieht es mich dorthin zurück.


Weshalb diese Leidenschaft fürs Gestein?
Gestein erzählt von Vorgängen, die fern unserer Vorstellungskraft liegen. Dabei bildet es die Grundlage, auf der wir uns bewegen. Mit der Industrialisierung wurde Gestein zunehmend einseitig als Rohstoff betrachtet. Ein ganzheitliches Verständnis unserer selbst schliesst dieses Fundament jedoch mit ein. Die Sicht auf biogeochemische Kreisläufe zeigt, dass Atmosphäre, Wasser, Organismen, Boden und Gestein in ständiger Wechselwirkung stehen.


Wie wirken sie aufeinander ein?
Es gibt keine klare Trennlinie zwischen den lebenden und nicht-lebenden Komponenten auf unserer Erde, wie die Geologin Marcia Bjornerud in ihrem Werk «Turning to Stone» aufzeigt. So fördern Mikroorganismen die Bildung von Kalksedimenten, die sich zu Kalkstein verfestigen und langfristig Kohlenstoff speichern. Damit trägt Kalkstein indirekt zur Stabilisierung unseres Lebensraums bei.


Aus welchem Gestein wärst du?

Auf jeden Fall ein Gestein, das sich im Spiel mit den Elementen formt und wandelt.

ALPINE VIEW / Landscape III, 90 x 18 x 32 cm, 2024
ALPINE VIEW / Landscape III, Ausschnitt

«ALPINE VIEW / Landscape III» wirkt auf den ersten Blick entspannt, wie eine Katze, die sich ausstreckt. Das Gelände ist abfallend. Natürliche Becken laden zum optischen Verweilen ein. Das mineralisierte und sprudelnde Wasser kann man sich vorstellen. Dazu führen Wasserläufe in die Tiefe. Wahrscheinlich handelt es sich um ein abgeschmolzenes Gletschergelände? Was löste das Objekt aus?
Eine Erkundungstour im Oberwalliser Aletschgebiet. Ich wanderte auf dem Höhenweg über dem Aletschwald, sah den Gletscher aus wandelnden Perspektiven und blickte auf die massiven Rutschungen an den Geländeflanken. Rund zwei Quadratkilometer Fels sind durch den Gletscherschwund in Kombination mit auftauendem Permafrost in Bewegung geraten. Zurück im Atelier in Zürich verband ich diese Erfahrung mit den Eindrücken einer Exkursion zum Vorfeld des Engadiner Fornogletschers. Eingewoben in die Landschaft agieren organische Elemente: die Rotation einer Schulter bringt den Geländefluss in Gang, Hautfalten werfen sich in der angestauten Topografie auf.


«Es ergibt sich nur eine topografische Entwicklungsrichtung am Berg: Alles strebt abwärts, talwärts», schreibt Markus Ritter im Buch «Fest Flüssig Biotisch – Alpine Landschaften im Wandel». Noch nie wurden so viele Mineralien im Tal verbaut wie in den letzten Jahren. Dein Atelier liegt inmitten von Prime Tower, Toni Areal und baldigem UBS-Hochhaus. Welche Rolle siehst du als Plastiker?
In diesem Kontext betreibe ich eine Art «Urban Mining», indem ich die verbauten Mineralstoffe meiner Umgebung im übertragenen Sinne wieder in Landschaften überführe. Im gesellschaftlichen Kontext bietet Kunst ein Forum, das losgelöst vom alltäglichen Diskurs ungewohnte Perspektiven eröffnet. Meine Arbeit soll den Blick für ein ganzheitliches Verständnis weiten, um nachhaltige Entscheidungen anzustossen.

Visualisierung «Ghost in the Shell», 2026

Durch den Klimawandel beschleunigt sich die Veränderung unserer Bilderbuch-Topografie. Was gibt Halt, wenn nicht mehr alles so trittsicher ist?
In meiner Werkserie «Ghost in the Shell» wurden aus den unverrückbaren Bergen die grossen Abwesenden. An die Wand gelehnt verbleiben einzig ihre Schalen. Der Mythos von solider Stabilität hat sich verabschiedet. Halt bieten vorausschauende Massnahmen. Tritt für Tritt: Mehr geologisches Tiefenbewusstsein, um kurzfristiges Denken zu überwinden. Positive, biogeochemische Interaktionen mit unserer Umwelt. Und: der Landschaft eine Körperschaft zuzugestehen.

Zu den Werkserien:
ALPINE VIEW
GHOST IN THE SHELL

Interview:
Edith Arnold, Journalistin BR
www.editharnold.ch

Im Interview erwähnte Publikationen:
Marcia Bjornerud: Turning to Stone, Wildfire, 2024
Thomas Kissling (Hrsg.): Fest Flüssig Biotisch - Alpine Landschaften im Wandel, Lars Müller Publishers, 2021

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